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Aufgewachsen in Rees im Dritten Reich


REES. Geschichte zum Anfassen erlebten die Schülerinnen und Schüler der neunten Klasse der Realschule Rees bei einem eindrucksvollen Zeitzeugenbesuch. Auf Initiative ihres Mitschülers Niels Lubbers, der im Rahmen eines Praktikums bei der Pressestelle der Stadt Rees tätig war, wurde der Zeitzeuge Erwin Roos eingeladen, um aus seinem Leben während der Zeit des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs zu berichten.

Der 94-Jährige wurde Ende 1931 geboren – und war damit etwa so alt wie die heutigen Jugendlichen, als der Krieg 1945 endete. Gleich zu Beginn machte er diesen persönlichen Bezug deutlich: „Ich war damals ungefähr so alt wie ihr heute und was ich erlebt habe, hat man sein ganzes Leben im Kopf.“

Erwin Roos schilderte eindringlich, wie stark der Alltag von Kindern und Jugendlichen durch das NS-Regime geprägt war. Mitgliedschaften in nationalsozialistischen Jugendorganisationen wurden verpflichtend, politische Inhalte bestimmten den Schulalltag, und selbst Begrüßungsformen änderten sich.

„Früher haben wir gesagt: Guten Morgen, Herr Lehrer“, berichtete er. „Dann hieß es plötzlich nur noch: Heil Hitler.“

Auch strukturelle Veränderungen seien unmittelbar sichtbar gewesen: „Bei uns hing früher ein Kreuz im Klassenzimmer. Das wurde abgenommen – und an denselben Nagel kam das Bild von Hitler.“

Die Jugendlichen erfuhren außerdem, wie stark Kontrolle und Anpassungsdruck den Alltag bestimmten. Wer sich nicht fügte, musste mit Konsequenzen rechnen. „Wer nicht erschien, konnte von der Polizei abgeholt werden“, erinnerte sich Erwin Roos an den verpflichtenden Dienst in der Hitlerjugend.

Besonders anschaulich schilderte der Zeitzeuge die Lebensbedingungen während des Krieges. Lebensmittel waren streng rationiert, Verdunkelungsvorschriften mussten eingehalten werden, und die Bevölkerung lebte in ständiger Angst vor Luftangriffen. „Alles gab es nur mit Lebensmittelkarten“, erklärte er. „Ohne Marken bekam man nichts.“

Auch die Verdunkelung wurde streng überwacht: „Wenn Licht auf die Straße fiel, klopfte der Blockwart sofort ans Fenster.“ Darüber hinaus berichtete Erwin Roos von Zwangsarbeitern, die unter harten Bedingungen in der Region eingesetzt wurden. Eine persönliche Erinnerung bewegte die Klasse besonders: „Ein Mann klopfte im Winter an unser Fenster. Er war durchgefroren. Meine Großmutter ließ ihn hinein, und er legte sich direkt an den Ofen, um sich aufzuwärmen.“

Den eindringlichsten Teil seines Berichts widmete Erwin Roos dem verheerenden Luftangriff auf Rees im Februar 1945, bei den großen Teilen der Stadt zerstört wurden. Er schilderte die dramatischen Stunden aus seiner Perspektive als Jugendlicher. „Wir haben keinen Alarm gehört – nur plötzlich die Flugzeuge über uns“, erinnerte er sich. „Dann begann das Bombardement. Von mittags bis abends saßen wir im Schutzraum.“

Als er später aus dem Luftschutzraum kam, bot sich ein erschütterndes Bild: „Vom kalten Keller aus spürten wir plötzlich eine drückende Hitze. Rees stand in Flammen.“ Etliche Häuser stürzten auch nach dem Bombenangriff noch ein. „Es stand kein Stein mehr auf dem anderen“, schilderte Erwin Roos die Situation in den Tagen danach.

Besonders prägend sei für ihn gewesen, dass nach dem Angriff viele Menschen zunächst auf sich allein gestellt waren: „Niemand war da, der uns sagte, wohin wir gehen sollten. Wir mussten selber mit der Situation zurechtkommen.“

Die Schülerinnen und Schüler nutzten die Gelegenheit, zahlreiche Fragen zu stellen – etwa zum Zusammenhalt der Menschen, zur Rolle von Propaganda oder zum Alltag von Kindern im Krieg. Erwin Roos beantwortete sie offen und ausführlich.

Sein Ziel sei es, jungen Menschen ein realistisches Bild der Vergangenheit zu vermitteln: „Es ist wichtig, dass ihr wisst, wie es wirklich war.“

Zum Abschluss bedankte sich die Klasse herzlich bei dem Zeitzeugen für seinen Besuch und überreichte ihm ein Geschenk. Auch Schuldirektor Thomas Wenning und Lehrer Thomas Fechner betonten die besondere Bedeutung persönlicher Erinnerungen für das historische Lernen.

Der Besuch, den der Reeser Geschichtsverein RESSA begleitete, hinterließ bei den Jugendlichen einen nachhaltigen Eindruck und machte deutlich, wie wichtig es ist, die Erfahrungen der letzten Zeitzeugen zu bewahren – damit Geschichte nicht nur in Büchern steht, sondern als gelebte Erinnerung weitergegeben wird.