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Frank Mehring stellt „Songs of Liberation“ im Bürgerhaus Rees vor


Am Mittwoch, 6. Mai, stellt Frank Mehring im Bürgerhaus Rees sein Buch „Songs of Liberation“ vor. Die Lesung ist eine gemeinsame Veranstaltung von Liemers Niederrhein, dem Reeser Geschichtsverein RESSA und der Stadtbücherei Rees anlässlich des 81. Jahrestags des Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa. Die Veranstaltung beginnt um 19:00 Uhr, der Eintritt ist frei.

Frank Mehring lebt in Kleve und arbeitet als Professor an der Radboud-Universität in Nijmegen. Sein Buch „Songs of Liberation“ behandelt die Freiheitslieder, die nach dem Ende der deutschen Besatzung in den Niederlanden 1945 entstanden und gesungen wurden. Das Ende der fünfjährigen Besatzung bedeutete für die Niederländer eine wirkliche Befreiung, und die Freude darüber machte sich durch Musik laut. Heute sind diese Lieder weitgehend vergessen, doch im Archiv des Freiheitsmuseums in Groesbeek hat Mehring eine Sammlung von Song-Partituren mit Texten gefunden, manche auch mit humorvollen Zeichnungen oder Tanzanweisungen. Zusammen mit Kolleginnen und Kollegen hat er diese Sammlung untersucht, und mit befreundeten Musikern hat er einige der Lieder erstmals aufgenommen. Aus dieser Arbeit ist das Buch entstanden, das die Erinnerung an dieses Stück Musikgeschichte dokumentiert. „Frank Mehring wird keinen trockenen Vortrag halten, sondern eine interaktive Lesung bieten und selbst einige Lieder vorspielen“, freut sich Thomas Dierkes, Leiter der Reeser Stadtbücherei, der die Veranstaltung zusammen mit den Vertretern von Liemers Niederrhein und RESSA organisiert hat. Einlass zur Lesung im Bürgerhaus am 6. Mai ist ab 18:30 Uhr.

Liemers-Niederrhein ist ein 1965 gegründeter Verein mit dem Ziel, deutsch-niederländische Kontakte am Niederrhein zu fördern und zu pflegen. Das deutsche Gebiet von Liemers umfasst die Städte Kleve, Kalkar, Kranenburg, Bedburg-Hau, Emmerich und Rees. Der Geschichtsverein RESSA wurde 1987 gegründet und erforscht die Geschichte der Stadt Rees und ihrer Ortsteile, aber auch die Bedeutung der ältesten Stadt am unteren Niederrhein im Laufe der Jahrhunderte.


Interview mit Prof. Dr. Mehring über sein Buch „Songs of Liberation“

Herr Mehring, Ihr Buch „Songs of Liberation“ befasst sich mit Liedern, die in den Niederlanden nach der Befreiung von der deutschen Besatzung gegen Ende des Zweiten Weltkriegs entstanden sind. Welche Bedeutung hatten – und haben – diese Lieder für die Niederländer?

Musik kann oft etwas ausdrücken, wo Sprache an ihre Grenzen stößt. Wenn man sich vorstellt, wie die Menschen im Frühjahr 1945 auf den Straßen standen, mit Fahnen in der Hand, mit Tränen in den Augen, mit einer Mischung aus Erleichterung und Unglauben, dann versteht man, welche Kraft diese Lieder hatten. Nach fünf Jahren Besatzung, nach Terror, Krieg und Verfolgung, und nach der fast vollständigen Vernichtung des jüdischen Lebens in den Niederlanden, wollten die Menschen endlich wieder frei atmen. In diesen Wochen wurde quasi überall gesungen: auf Marktplätzen, vor den Häusern, in Kneipen, auf improvisierten Feiern. Die Lieder waren ein Ventil für Freude, aber auch für Trauer und für Hoffnung. Für viele fühlte sich Freiheit damals wie ein Geschenk an. Und genau dieses Gefühl hört man in diesen Liedern.

Obwohl die Lieder 1945 sehr populär waren, sind sie heute weitgehend vergessen. Lag das an den Melodien oder hatte das andere Ursachen?

Das hat weniger mit den Melodien zu tun als mit Erinnerung. Was nicht aufgenommen und verbreitet wird, verschwindet schnell aus dem kollektiven Gedächtnis. Viele dieser Lieder wurden nie auf Schallplatte veröffentlicht, und das hatte ganz praktische Gründe. Schellack, aus dem man damals Schallplatten machte, war während und nach dem Krieg knapp, weil er als kriegswichtiges Material galt. Außerdem waren viele Studios zerstört oder arbeiteten noch nicht wieder richtig, und die Menschen hatten andere Sorgen, als Musik zu kaufen.

Hinzu kommt ein sehr menschlicher Punkt: Die große Euphorie über die Befreiung war nicht nur Freude. Es gab auch Spannungen. Die Begeisterung für die kanadischen, amerikanischen und britischen Soldaten schlug manchmal in Neid oder Eifersucht um, etwa wenn niederländische Frauen Beziehungen mit Befreiern eingingen oder mit ihnen auswanderten. Man sprach dann von den „war brides.“ Manche Lieder erinnerten auch an solche weniger schönen Gefühle, und deshalb hat man sie vielleicht lieber vergessen.

Sie leben in Kleve, arbeiten aber als Professor an der Radboud-Universität in Nijmegen. Erwartet die Besucher am 6. Mai eine akademische Vorlesung – oder wird auch viel gesungen?

Wer kommt, muss keine Angst vor einer trockenen Vorlesung haben. Ich möchte, dass man diesen Abend hört, sieht und ein Stück weit auch miterlebt. Mir geht es darum zu zeigen, wie sich der Verlust der Freiheit angefühlt hat. Und wie groß das Bedürfnis war, diese Freiheit gemeinsam zu feiern. Ich werde mit Textzitaten, Bildern und historischen Aufnahmen arbeiten, aber wir werden auch selbst Musik machen. Die Befreiungslieder waren bewusst einfach geschrieben, damit man sie auf Gitarre, Klavier oder Akkordeon spielen und zusammen singen konnte. Genau das probieren wir aus. Ich bringe Instrumente mit, und dann merkt man sehr schnell, wie diese Lieder funktioniert haben. Wenn man sie selbst singt, versteht man intuitiv, warum sie 1945 so wichtig waren.

Das Buch behandelt ein Stück Musikgeschichte. Wie sind Sie auf dieses Thema gestoßen?

Als ich 2012 meine Stelle in Nijmegen antrat, habe ich mich gefragt, wie sich mein Fachgebiet, die Amerikanistik, mit der Geschichte dieser Region verbinden lässt. Die Befreiung der Niederlande ist ja eine stark transatlantische Geschichte. Über das Freiheitsmuseum in der Nähe der Radboud Universität sind wir auf einen erstaunlichen Fund gestoßen. Im Archiv des Freiheitsmuseums in Groesbeek gab es eine Sammlung von Song-Partituren. Rund 300 Lieder, mit bunten Covern, Texten, manchmal mit humorvollen Zeichnungen oder Tanzanweisungen. Da war sofort klar: Das ist ein Schatz. Gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen haben wir diese Sammlung untersucht, und mit befreundeten Musikern habe ich einige der Lieder erstmals wieder aufgenommen. Später haben wir sie auch bei Ausstellungen aufgeführt. Aus dieser Arbeit ist Schritt für Schritt das Buch entstanden.

Wie sah die Recherche aus? Gibt es noch viele Zeitzeugen? Gibt es auch Aufzeichnungen von Liedern auf Tonband oder Schallplatte?

Leider gibt es nur noch wenige Zeitzeugen, und deshalb war es mir wichtig, mit denen zu sprechen, die ihre Erinnerungen noch teilen konnten. Besonders beeindruckt hat mich der niederländische Architekt Jan Hendriks. Er war als Teenager dabei, als Nijmegen befreit wurde, und spielte damals für amerikanische Soldaten Klavier. Er hatte ein Tagebuch geführt und konnte sich Jahrzehnte später noch genau erinnern, welche Lieder sie gespielt haben. Im Buch ist ein Interview mit ihm, und auch eine originale Set-List aus dem Jahr 1944. Solche Dokumente zeigen sehr unmittelbar, welche Musik damals wirklich gehört wurde. Originale Tonaufnahmen gibt es nur wenige. Umso wichtiger sind die Notenblätter und Texte, denn sie sind oft die einzigen Spuren dieser Musik.

Sind Befreiungslieder eine ur-niederländische Erfindung, oder gab und gibt es sie nach Kriegen überall auf der Welt?

Nein, solche Lieder gibt es nach fast jedem Krieg. Wenn ein Land wieder frei ist, wird gesungen. Das war nach 1945 so, aber auch nach vielen anderen Konflikten. Was die niederländischen Befreiungslieder besonders macht, ist ihre große Zahl, die verschiedenen Musikgenres und ihr internationaler Klang. Man hört darin viel amerikanische und kanadische Musik, Swing, Blues, manchmal auch deutsche oder englische Textteile. Diese Mischung zeigt, wie stark die Befreiung als ein internationales Ereignis erlebt wurde. Es sind keine Lieder für den Konzertsaal, sondern für die Straße, für das Wohnzimmer, für das gemeinsame Feiern.

Ihr Buch ist vor einem Jahr auf Englisch erschienen. Wird es auch eine deutsche oder niederländische Ausgabe geben?

Das englische Buch richtet sich vor allem an ein internationales Publikum, weil die Befreiung der Niederlande ohne Kanada, Großbritannien und die USA nicht zu verstehen ist. Eine niederländische Ausgabe ist bereits vorher erschienen, und es gibt großes Interesse an einer deutschen Version.

Gerade in der Grenzregion merkt man, dass diese Geschichte keine rein nationale ist. Viele Familien auf beiden Seiten der Grenze haben Erinnerungen, die mit der Befreiung verbunden sind. Eine deutsche Ausgabe würde helfen, diese geteilte Geschichte stärker sichtbar zu machen und den „transatlantischen Soundtrack der Freiheit“ auch für ein deutsches Publikum erfahrbar zu machen.

Ihre Lesung findet im Reeser Bürgerhaus statt. Kennen Sie das Haus oder auch die Stadt Rees schon von anderen Anlässen?

Ich kenne die Region gut, weil ich in Kleve lebe und seit vielen Jahren in Nijmegen arbeite. Rees liegt genau in diesem Raum, in dem die Geschichte der Befreiung sehr präsent ist. Im Bürgerhaus war ich schon bei der Verleihung des Tom-Sawyer-Preises, an dem mein Sohn mehrfach teilgenommen hat. Deshalb freue ich mich besonders, jetzt selbst dort zu Gast zu sein. Ich hoffe, dass wir an diesem Abend nicht nur über Geschichte sprechen, sondern sie auch ein Stück weit hörbar machen können. Und ich finde, der Raum hat eine besondere Akustik. Das wird sicher ein tolles Erlebnis.