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Gedächtnis von Rees feiert Dienstjubiläum


REES. Tina Oostendorp ist das Gedächtnis von Rees. Sie verwaltet über 25.000 Akten und Dokumente, circa fünf Terrabyte Datenvolumen über die gesamte Stadtgeschichte sowie Verwaltungsvorgänge mit gesetzlicher Aufbewahrungsfrist – und das jetzt schon seit über 40 Jahren. „Man wird ehrfürchtig bei all dem Papier in diesen Räumen“, sagt sie selbst über ihren Arbeitsbereich. Das älteste Dokument ist die Urkunde aus dem Jahr 1148. Auch die Original-Stadterhebungsurkunde ist ursprünglich im Stadtarchiv, wird aber aktuell beim Landschaftsverband Rheinland in der Nähe von Köln restauriert.
Dass sie 40 Jahre für diesen Stadtfundus aktiv ist, hätte sie damals nicht gedacht. „Schon am ersten Arbeitstag habe ich mir damals eingeredet, dass das keine Stelle für die Ewigkeit ist“, erzählt Tina Oostendorp, die damals 20 Jahre alt war und ursprünglich eine Ausbildung als Verkäuferin absolviert hatte. Das Archiv hatte seinen Platz unterm Dach des Rathauses. Dort war auch ihr erster Arbeitsplatz. Ihr Arbeitsgerät im ehemaligen Gesundheitsamt an der Sahlerstraße war ein Computer mit 500 Megabyte Speicher - einer der ersten Computer in einem Archiv im Kreis Kleve. Ihre größte Sorge seit jeher: Lästige Papierfischchen, die das wertvolle Papier bedrohen. So muss jeder Neuzugang vom Archiv erstmal in den Quarantäneraum.  

Mit der Zeit lernte sie aber diese Art der Arbeit zu schätzen. „Das lag vor allen Dingen an den Menschen, mit denen ich zu tun hatte“, so Tina Oostendorp, die mit richtigen Vornamen Clementine heißt. Und da gab es einige: Heimatforscher, Historiker, ehrenamtliche Mitarbeiter sowie niederländische Freunde. So pflegte sie einen intensiven Kontakt mit den ehemaligen Zwangsarbeitern des Arbeiterlagers Groin, den sie nach dessen Tod mit den Angehörigen fortsetzte.

Im Laufe von über 20 Jahren entstanden jährlich stattfindende Gedenkveranstaltungen u.a. in Apeldoorn (NL) aber auch seit 2010 der Gedächtnisgang von Rees nach Megchelen (NL). Dieser wird gemeinsam mit Vertretern der Comité Leefbaarheid Megchelen (CLM) und der Oudheidkundige Vereniging Gemeente Gendringen (OVGG) sehr erfolgreich vorbereitet.

Dieser Einsatz für diese Erinnerungskultur und Aufarbeitung hatte einen Ursprung. Anfang der 2000er Jahre erhielt sie eine Einladung zu einer Gedenkveranstaltung nach Apeldoorn. Bei den dortigen Ansprachen wurde nicht viel Positives über Rees gesagt. „Ich habe mich fremdgeschämt. Das wollte ich ändern“, berichtet Tina Oostendorp. Ihr Einsatz war erfolgreich. 2018 erhielt die „Stadt Rees ab 2004“ den sogenannten „Erepenning“ der Gemeente Apeldoorn (NL) für diese intensive Aufarbeitung, aber auch den Einsatz der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit. „Der damalige Bürgermeister Christoph Gerwers und ich waren total überrascht. Diese Auszeichnung war sehr bewegend und ein Zeichen unserer gewachsenen Städtefreundschaft“, so Tina Oostendorp.

Von vielen weiteren schönen Momenten kann die Stadtarchivarin berichten. Zum Beispiel stadthistorische Ausstellungen, die sie gemeinsam mit vielen Unterstützern umsetzen konnte, neue Erkenntnisse und viele schöne Begegnungen. Tina Oostendorp: „Kein Tag war und ist wie der andere.“ Das habe auch an der Vielfalt ihrer Aufgaben gelegen. „In größeren Kommunen gibt es für jeden Arbeitsbereich einen eigenen Sachbearbeiter. Hier in Rees kümmere ich mich um alles“, sagt sie und ergänzt: „Archivieren, Scannen, Sortieren, Bereitstellen, Aufarbeiten und vieles mehr.“

Doch auch hier gibt es Lücken. Was Tina Oostendorp ärgert, ist, dass viele Dokumente aus dem 19. Jahrhundert im zweiten Weltkrieg zerstört oder verloren gegangen sind. Die Geschichte davor und danach ist hingegen gut belegt. Im Fundus befinden sich Dokumente aus 800 Jahren Stadtgeschichte – auch Exponate wie Bischofssiegel, Flaschen, Schallplatten, Videos, Blumenvasen nach dem Krieg gefertigt aus Granathülsen und eine automatische Eieruhr.

Alle fünf Jahre öffnet sie die Türen des Archivs bei einem Tag der offenen Tür, der jedes Mal sehr gut angenommen wird. Mehrfach führt sie dann durch die Räume, zu denen der Besucher sonst keinen Zugang hat. Das nächste Mal wieder 2028 – passend zum 800-jährigen Stadtjubiläum von Rees an dem Tina Oostendorp aktiv mitwirkt.

In den vergangenen 40 Jahren hat sich aber auch vieles geändert, wie sie erklärt: „Die Digitalität gewinnt immer mehr an Bedeutung.“ Sie gehe davon aus, dass bald noch weniger mit Papier gearbeitet wird. Ein paar Jahre wird sie die Entwicklung noch aktiv mitverfolgen. Spätestens 2030 möchte sie in den Ruhestand gehen und – sofern möglich - ehrenamtlich im Archiv mitarbeiten.