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Gesungene Lebensfreude einer befreiten Nation


REES. „Heute Abend schlagen wir mit Musik von Rees aus eine Brücke in die Niederlande“, versprach Frank Mehring, als er jetzt im Reeser Bürgerhaus sein Buch „Songs of Liberation in the Netherlands“ vorstellte. Zum 81. Jahrestag vom Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa hatten die Stadtbücherei Rees, die Vereinigung Liemers Niederrhein und der Reeser Geschichtsverein RESSA den Autor eingeladen, der in Kleve lebt und als Professor an der Radboud Universität in Nijmegen lehrt.

Frank Mehring erklärte zunächst, welche Bedeutung die Musik im Zweiten Weltkrieg für die Soldaten hatte: „Die deutschen Soldaten hörten Lili Marleen, aber besonders die US-Amerikaner haben es mit Stars wie Glen Miller und Marlene Dietrich geschafft, Krieg und Musik in Zusammenhang zu bringen.“ Im Rahmen seiner Lehrtätigkeit wurde er auf einen musikalischen Schatz im Archiv des Befreiungsmuseums im niederländischen Groesbeek hingewiesen: Dort fand er über 300 Notenblätter, Partituren und andere Dokumente über Lieder, die in den Niederlanden 1945 nach der Befreiung von der deutschen Besatzung gesungen wurden, aber wissenschaftlich noch nicht aufgearbeitet worden waren. Mehring hat zusammen mit anderen Wissenschaftlern diese Dokumente erforscht, dazu Zeitzeugen befragt und ergänzende Quellen gesichtet.

Das Ergebnis fasste er im Reeser Bürgerhaus vor mehr als 60 Zuhörern so zusammen: „Im Sommer 1945 war in den Niederlanden richtig was los.“ Aus Freude über die wieder gewonnene Freiheit und aus Stolz auf die niederländische Geschichte und Kultur wurde auf den Straßen gefeiert, gesungen und getanzt. Mehring zeigte viele historische Bilder von tanzenden Menschen auf Straßen und Marktplätzen. Aber er stellte auch die Frage, wie die Musik klang, zu der die Menschen damals tanzten.

Nach der Befreiung konnten die Niederländer Swing und andere Musik hören, die während der Zeit der deutschen Besatzung verboten gewesen war. Gefeiert wurde mit den alliierten Soldaten, die vor allem aus Großbritannien, den USA und aus Kanada kamen. Die jungen Soldaten, die für ihren Militärdienst oft Monate oder Jahre fern der Heimat verbringen mussten, feierten begeistert mit den jungen Niederländerinnen. Dies mündete auch in Beziehungen, die wiederum zu Eifersucht bei den männlichen Niederländern führten. All dieses wurde auch in Liedern festgehalten, wobei diese oft den typisch niederländischen Humor aufwiesen.

Da in den Wirren am Ende des Zweiten Weltkriegs kaum Tonaufnahmen im Studio gemacht werden konnten, wurde die Musik auf Notenblättern festgehalten. Anhand dieser Noten hat Mehring die Lieder Jahrzehnte später neu einspielen lassen. Einige dieser Tonaufnahmen führte er nun im Reeser Bürgerhaus vor, andere spielte er selbst live auf der Gitarre. Damit konnte er überzeugend einen Eindruck von dem Lebensgefühl nach Kriegsende geben. „Musik verbindet, Musik weckt Emotionen“, betonte Mehring.

Zum Schluss seines Vortrags nannte er Beispiele, wie heute noch Musik politisch eingesetzt wird. Wie schon viele seiner Vorgänger im Weißen Haus, hat auch der aktuelle US-Präsident Donald Trump die Macht der Musik erkannt und diese gezielt in seinem Wahlkampf eingesetzt. Derzeit versuche er, die Kontrolle über Kultureinrichtungen wie das „John F. Kennedy Center of the Performing Arts“ in Washington D.C. zu gewinnen.

Aber Musik kann auch versöhnend wirken, betonte der Referent. Dies zeigte er eindrucksvoll, als er das Lied „Wir bringen Frieden für alle“ anstimmte, das vom Publikum aufgegriffen und mitgesungen wurde. Thomas Dierkes, Leiter der Stadtbücherei, dankte Frank Mehring unter dem langanhaltenden Applaus des Publikums und im Namen der drei Veranstalter für seinen eindrucksvollen Vortragsabend, der Brücken zwischen einst verfeindeten Nationen schlug und zugleich höchst unterhaltsam war.