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Interview Wilfried Schmickler:
„Rees und der Niederrhein sprechen für sich”, 6.3.2026


Der Programmtitel „Herr Schmickler bitte!“ klingt ein bisschen nach Wartezimmer in der Arztpraxis. Ist das eine Anspielung auf Ihr Alter, das inzwischen mit einer Sieben beginnt?

Wilfried Schmickler: Könnte man meinen, ist aber nicht so. Sondern: Fünf Minuten bevor im Theater die Vorstellung beginnt, gongt’s oder bimmelt’s. Dreimal. Anschließend erklingt in der Garderobe die Stimme des Inspizienten: „Herr Schmickler bitte!“ Die Knie werden weich, das Herz schlägt bis zum Hals und dann geht’s raus. Mit all dem Lampenfieber, das auch im hohen Alter einfach nicht weniger werden will.

Bundeskanzler Friedrich Merz meint, wir Deutschen sind zu oft krank, arbeiten zu wenig und gehen zu früh in Rente. Bei welchen Punkten fühlen Sie sich ertappt?

Wilfried Schmickler: Da geht es mir wie der übergroßen Mehrheit meiner Mitbürgerinnen und Mitbürger: ich fühle mich nicht ertappt, sondern beleidigt. Denn erstens wäre ich heilfroh, wenn ich nie krank würde. Und zweitens arbeite ich viel und gerne, und wenn ich irgendwann in den Ruhestand gehe, habe ich mir den wohlverdient. Da lass ich mir von einem mehrfachen Millionär nicht in die hohlen Hände spucken.

Friedrich Merz und Sie wurden beide in den 1950er-Jahren in NRW geboren. Gibt es weitere Parallelen zwischen Kanzler und Kabarettist?

Wilfried Schmickler: Gibt es nicht. Denn wir leben zum Glück (zu meinem Glück) in parallelen Universen. Er im rund um die Uhr bewachten Hochsicherheits-Kosmos seines Amtes, ich in den endlosen Weiten der Prairie.

Bei Ihrem letzten Auftritt in Rees, im Januar 2023, haben Sie die „alten, blöden Witze über Donald Trump“ gleich zu Beginn erzählt, damit’s schnell vorbei war. Werden Sie Donald Trump am 6. März 2026 in Rees mehr Zeit einräumen (müssen)?

Wilfried Schmickler: Ich habe damals nur einen Trump-Witz erzählt. Und der war wirklich gut. Aber seit dem Beginn seiner zweiten Amtszeit kann ich über den irren Potus nicht mehr lachen. Ein auch nicht mehr ganz so junger Kabarett-Kollege hat kürzlich in einem DPA-Interview gesagt, er sei „rein beruflich dankbar für Trump und(!) Putin. Die zwei seien für einen Komiker „einfach lohnenswerte Objekte“. Zwei größenwahnsinnige Egomanen sind gerade dabei, die regelbasierte Weltordnung zu zertrümmern und die Demokratien – vor allem die europäischen – zu zerschlagen. Menschenrechte? Makulatur! Klimaschutz? Bullshit! Freie Presse? Fake News! Was haben wir gelacht!

Als die FIFA im Dezember 2025 dem US-Präsidenten einen neugeschaffenen Friedenspreis überreichte, wie haben da Ihr Körper und Ihr Geist reagiert?

Wilfried Schmickler: Der Körper mit Brechreiz, Schweiß-Ausbrüchen und Ohnmachtsanfällen. Der Geist mit Fassungslosigkeit und Entsetzen. „Ich habe eine Träne verdrückt, aber gezeigt habe ich sie nicht“ (Lothar Matthäus). „Das war eine Deprimierung“ (Andi Möller). „Ich sag nur ein Wort: Herzlichen Dank!“ (Horst Hrubesch).

Einen fremden Friedensnobelpreis hat Donald Trump schon geschenkt bekommen und auch angenommen. Was muss der US-Präsident noch leisten, damit Sie ihm den Prix Pantheon, den Deutschen Kabarettpreis, den Deutschen Kleinkunstpreis und den Salzburger Stier aus Ihrer eigenen Trophäensammlung überschreiben?

Wilfried Schmickler: Nix da! Meine Preise gehören mir. Und auf jeden einzelnen bin ich sehr stolz. Da verschenke ich nichts. Ich würde allenfalls einen Preis verleihen: das „Kacktor (Arnd Zeigler) des Jahrhunderts“. An Maria Corina Machado. Das ist die, die ihren Friedensnobelpreis in den Hintern eines Gewalt-Täters geschoben hat. Erbärmlich!

Im Pressetext zu „Herr Schmickler bitte!“ steht, dass Sie mit Schmäh-Tiraden und Spott-Gesängen einen Beitrag zur „Verfreundlichung der Welt“’ leisten möchten. Spricht der Gelehrte da nicht vom Contradictio in adiecto?

Wilfried Schmickler: Wovon der Gelehrte spricht, weiß ich nicht, weil ich in seinen Kreisen nicht verkehre. Ich weiß nur eins: Wenn das Kabarett die Welt schon nicht verändert, so kann es doch einen kleinen Beitrag leisten zur Aufhellung der Gemüter. Ein wenig Licht in die Finsternis des Trübsinns. Die Verfreundlichung der Welt quasi als conditio sine qua non für ein tolerantes, solidarisches und friedliches Miteinander.

Auf Ihrer Internetseite listen Sie Ihre Auftrittstermine auf und illustrieren das mit fotografischen Stillleben aus den Garderoben verschiedener Bühnenhäuser. Was erwarten Sie von einem guten Backstage-Bereich? Und wie sieht die Realität aus?

Wilfried Schmickler: Ach, wissen Sie, in 50 Jahren als Kabarett-Spediteur lernt man diesbezüglich Demut und Bescheidenheit. Platz ist in der kleinsten Hütte. Was nützen die höchsten Ansprüche, wenn sie von der Wirklichkeit doch runter geschraubt werden. Und wie erfreulich ist es dann immer wieder, wenn sich die Veranstaltenden Mühe geben und für eine umsichtige Betreuung und ordentliche Verköstigung sorgen. Die allermeisten tun das auch.

Am 19. April zeichnen Sie in der Viller Mühle bei Goch, also unweit von Rees, wieder die WDR-Kabarettsendung „Hart an der Grenze” auf. Welche Unterschiede gibt es zwischen Deutschen und Niederländern, die sich nie aus der Welt schaffen lassen?

Wilfried Schmickler: 1. Die Sprache: „Klompen en Drempel” statt „Holz-Schuhwerk und Verkehrsberuhigungs-Erhebungen”. „Enkele buien” statt „vereinzelte Regenschauer”. „Lecker” statt „geil”.2. Die kulinarischen Spezialitäten: Frikandel special met Frittjes, Kibbeling, Oli-Bollen, Kaas-Stangeltjes – so was bekommt man in keinem deutschen Spitzen-Restaurant. 3. Die Fahrradwege.

Möchten Sie zum Schluss noch etwas Freundliches über Rees und den Niederrhein sagen?

Wilfried Schmickler: Muss ich gar nicht. Denn Rees und der Niederrhein sprechen für sich. Die Landschaft ein Zauber und die Niederrheinerinnen und Niederrheiner liebenswert, herzenswarm, gastfreundlich, weltoffen und humorvoll.

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