REES. Das zeigte großes Interesse für Heimatgeschichte: Bei der Lesung von Bernhard Lensing in der Reeser Stadtbücherei kamen mehr Besucherinnen und Besucher als angenommen. Schnell mussten einige Stühle nachgestellt werden, sodass die über 70 Personen schließlich der Lesung und dem Vortrag des Emmericher-Autors mit dem Buch „Ein Hof, mein Vater und der Krieg“ folgen konnten.
Bernhard Lensing wurde 1948 geboren. Nach dem Tod seines Vaters 1968 erbte er den Bauernhof, den seine Familie schon seit über 250 Jahren bewirtschaftete. Mit zum Erbe gehörte eine umfangreiche, sich über Jahrhunderte erstreckende Sammlung von Urkunden, Briefen und Fotografien. Aktuell sichtet Bernhard Lensing diesen Nachlass mit dem Ziel, einiges davon dem Landesarchiv NRW zu vermachen.
Unter den Schriftstücken befinden sich auch zahlreiche Briefe und Papiere aus der Zeit des Nationalsozialismus. Bernhard Lensing musste erfahren, dass sein Vater während des Dritten Reiches Mitglied der NSDAP war und zahlreiche Ämter bekleidet hatte. Als Ortsbauernführer von Hüthum hatte er die Aufgabe, über 80 Landwirte in der Region auf den Kurs der Nazis zu bringen. Anhand von Briefen, Einladungen und anderen Dokumenten zeigte Lensing, wie schnell sein Vater das Vokabular der neuen Machthaber übernahm und damit aktiv der nationalsozialistischen Propaganda diente. Dann führte er aus, wie sein Vater Opfer einer Intrige und denunziert wurde, so dass er schon Ende 1933 als Ortsbauernführer durch einen zuverlässigeren Parteigenossen ersetzt wurde. „Die meisten Landwirte am Niederrhein waren katholisch, politisch dem Zentrum nahe und standen dem Nationalsozialismus zunächst ablehnend gegenüber“, hat Lensing ermittelt. Wer sich aber von den Landwirten nicht aktiv an den nationalsozialistischen Aufmärschen beteiligte, musste mit öffentlicher, namentlicher Nennung in den Fachzeitschriften und auch mit wirtschaftlichen Nachteilen rechnen. „Der Hof, die Familie und die Tradition gehörten untrennbar zusammen“, sagte Lensing. Durch Propaganda und wirtschaftlichen Druck gelang es den Nazis offenbar, nicht nur Lensings Vater, sondern auch viele andere Landwirte auf ihre Seite zu ziehen. „Mein Vater hat nach dem Krieg nie über seine Rolle während des NS-Zeit gesprochen“, erklärte Lensing. In seinen Tagebüchern zeigte Lensings Vater auch nie Selbstzweifel oder Anzeichen von Reue, doch immerhin hat er alle Papiere und Dokumente aus dieser Zeit aufbewahrt und seinem Sohn vermacht. „Wie viele andere Deutsche war mein Vater während des Dritten Reichs ein Mittäter“, musste Lensing eingestehen. Für seine sehr persönliche, eindringliche Lesung erhielt er vom Publikum langanhaltenden Applaus.
Die Lesung mit Bernhard Lensing war eine gemeinsame Veranstaltung der Stadtbücherei und des Reeser Geschichtsvereins RESSA.
Lesungen: "Songs of Liberalisation"
Am Mittwoch, 6. Mai, um 19 Uhr, laden die Stadtbücherei, RESSA und der grenzüberschreitende Verein Liemers Niederrhein zu einer weiteren Lesung im Bürgerhaus Rees zu einem historischen Thema ein. Professor Frank Mehring stellt sein Buch „Songs of Liberalisation“ vor, das behandelt die Volkslieder, die 1945 in den Niederlanden nach der Befreiung von der deutschen Besatzung entstanden sind. Der Eintritt ist frei.

