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Lesung von festgefahrenen Geschichts-Mythen


REES. Am Mittwoch, 24. Juni stellte Rainer Neu in der Stadtbücherei Rees sein neues Buch „Heilige, Neuerer und ein Biest“ vor. Das Buch enthält 21 Aufsätze über historische Gestalten des Niederrheins, von denen der promovierte Theologe und Soziologe vier in Rees vorstellte. „Ich fange mit meiner Heimatstadt Wesel an“, erklärte der Autor und erzählte vom aktuellen Forschungsstand über Peter Minuit. Dieser werde häufig als Gründer und erster Bürgermeister von New York bezeichnet, doch Rainer Neu machte deutlich, dass vieles über Minuits Leben unbekannt ist und nach heutigem Stand in Frage gestellt werden müsse. „Tatsächlich wurde er erst nach dem Zweiten Weltkrieg als Gründer New Yorks bezeichnet“, hat Neu herausgefunden. Dies geschah vermutlich vor dem Hintergrund, dass Minuits Geburtsstadt Wesel nach dem verlorenen Krieg versuchte, Beziehungen zur Siegermacht USA aufzubauen. Dabei konkurrierte Peter Minuit jedoch mit Peter Stuyvesant, der von einem Tabakkonzern als erster Bürgermeister New Yorks beworben wurde. Dennoch gilt es als wahrscheinlich, dass es tatsächlich Peter Minuit war, der 1626 der indigenen Bevölkerung das heutige Manhattan zu einem Spottpreis abkaufte. „Interessant ist, dass trotz des 400. Jahrestags in diesem Jahr weder in Wesel noch in New York an dieses Ereignis in besonderer Weise erinnert wird“, merkte Rainer Neu an.

Auch bei Irmgard von Aspel, der zweiten historischen Persönlichkeit, die Rainer Neu in Rees vorstellte, hinterfragte er festgefahrene Mythen. „Es gibt keinen Nachweis, dass sie je offiziell von der Kirche heiliggesprochen wurde“, betonte er. Die Geschichten und Legenden über ihr Leben seien wahrscheinlich aus Überlieferungen mehrerer miteinander verwandten Frauen zusammengesetzt. Dennoch ist Irmgard von Aspel eine bedeutende Figur der Geschichte, alleine weil sie belegt, dass sich in Aspel eine der ältesten Burgstellen des Niederrheins befindet. Nach der Heiligen kam der Heiler, nämlich Emanuel Felke, der als evangelischer Pastor, aber vor allem als Heiler in Repelen bekannt wurde. „Felke setzte Ende des 19. Jahrhunderts auf Homöopathie und behandelte unzählige Menschen, meist ohne Honorar zu verlangen“, erzählte Rainer Neu. Dies führte unweigerlich zu Konflikten mit den Schulmedizinern, doch in mehreren Prozessen wurde Felke freigesprochen. Felke hat es nie geschafft, seine Erfahrungen und Lehren weiterzugeben, doch in Bad Sobernheim in Rheinland-Pfalz werden heute noch Felke-Kuren angeboten.

Und wer war jetzt das Biest vom Niederrhein? Diesen unrühmlichen Titel verlieh Neu an Adela von Elten, die vor etwa 1000 Jahren starb. Sie war eine jüngere Tochter von Graf Wichmann, dem Gründer des Stifts Elten. Nach dem Tod ihrer Eltern beanspruchte sie ihr Erbe und überzog ihre ältere Schwester Liutgard, der ersten Äbtissin von Elten, und zahllose andere Adlige der Region mit Streitereien und Fehden. Auch ihre Ehen mit Graf Immed IV. und mit Balderich führten zu weiteren Besitzstreitigkeiten. „Leichen pflasterten ihren Weg“, musste Rainer Neu zugeben, bis Adela zwischen 1021 und 1028 in Köln starb und dort neben dem Dom beigesetzt wurde. Büchereileiter Thomas Dierkes dankte dem Autor im Namen der Stadtbücherei und des Reeser Geschichtsvereins RESSA für den kurzweiligen und interessanten Vortrag, für den Rainer Neu von den etwa 20 Besuchern langen Applaus erhielt.


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