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Musik hört man am besten live


Freunde hochkarätiger klassischer Musik sollten sich das Reeser Sinfoniekonzert am Sonntag, 26. April, im Kalender notieren: Dann spielt der Pianist Martin Stadtfeld ab 17 Uhr im Bürgerhaus, gemeinsam mit dem Düsseldorfer Orchester Camerata Louis Spohr. Die Leitung übernimmt einmal mehr der Emmericher Dirigent Stefan Burs.
Martin Stadtfeld ist vielfacher Echo-Klassik-Preisträger und international auf den großen Konzertbühnen unterwegs. Er lehrt außerdem als Professor an der Musikhochschule in Bremen. Im Interview spricht der 45-jährige Ausnahmekünstler unter anderem über seine Verehrung von Johann Sebastian Bach und über musikalische Früherziehung, er gibt aber auch Tipps für das Festprogramm zur 800-Jahr-Feier der Stadt Rees.

Herr Stadtfeld, auf welche Eigenschaften überprüfen Sie einen neuen Konzertsaal zuerst, bevor Sie dort mit dem Soundcheck für einen Auftritt beginnen?

Martin Stadtfeld:
Am liebsten setze ich mich sofort an den Flügel und lasse die Akustik auf mich wirken. Das beeinflusst mein Spiel automatisch, denn man passt sich immer der Situation an.

Sie kennen alle wichtigen Konzerthäuser der Welt. Können kleinere Spielstätten, wie jetzt das Reeser Bürgerhaus, Ihnen trotzdem etwas bieten, das die großen Häuser unter Umständen nicht haben?

Martin Stadtfeld:
Oh ja. Kleinere Spielstätten bieten oft einen besonderen Kontakt mit dem Publikum. Ich habe sogar das Gefühl, dass viele Werke, die ich besonders liebe, eher für kleinere Spielstätten geeignet sind. So hat die Musik Chopins beispielsweise durch ihren intimen Charakter in kleineren Sälen, die über einen größeren Anteil an Direktschall verfügen, eine besondere Wirkung.

Sie sagen: „Bach ist für mich der Ausgangspunkt für alle Musik, die danach kommt.“ Lag es an Johann Sebastian Bachs Persönlichkeit, an seinem Umfeld oder an seiner Zeit, dass er zu solch einem Ausnahmekomponisten werden konnte?

Martin Stadtfeld:
In der Frage liegt bereits die Antwort: Natürlich spielen all diese Aspekte eine Rolle. Daraus eine Regel abzuleiten, ist geradezu unmöglich. Wobei man vielleicht schon sagen kann, dass das Barock ein Höhepunkt der menschlichen Kulturgeschichte war. Europaweiter Austausch, Neugier und Experimentierfreude kennzeichnen es. Andererseits aber auch eine gewisse Demut in der Weltanschauung. Am Ende wird man diese Frage nie ganz beantworten können: Wie kann es sein, dass zwei Giganten der Musikgeschichte im gleichen Jahr, 1685, geboren worden sind, nämlich Bach und Händel? Da kommt eben alles zusammen…

Die Stadt Rees begeht 2028 ihre 800-Jahr-Feier. Welche Bach-Komposition empfehlen Sie zu diesem festlichen Anlass?

Martin Stadtfeld:
Die Goldberg-Variationen.

Von Bach zu Beethoven: Ihre CD-Veröffentlichungen im Sony Verlag umfassen auch die Titel „Beethoven für Kinder“ und „My Beethoven“. Wie stark unterscheidet sich der Beethoven für Kinder von Ihrem Beethoven?

Martin Stadtfeld:
Eigentlich gar nicht, denn meine Liebe zur Musik und zu Beethoven ist immer noch die gleiche, wie ich sie als Kind empfunden habe. Staunen und Begeisterung erlebe ich immer wieder, wenn ich beispielsweise Beethovens Werke spiele oder unterrichte.

Sie gaben Ihr Konzertdebüt im Alter von neun Jahren. Welche Komposition war damals die größte Herausforderung? Und mussten Ihre Eltern Sie zum Üben zwingen?

Martin Stadtfeld:
Mein erster Klavierlehrer Hubertus Weimer schenkte mir damals ein Notenbändchen mit der Widmung „dem lieben Martin als große Aufgabe“. Es handelte sich um Liszts Konzertetüde „Waldesrauschen“. Ich habe diese Herausforderung begeistert angenommen und dieses Werk in meiner Kindheit oft in Konzerten gespielt. Zum Üben mussten mich meine Eltern nicht zwingen. Sie sind keine Musiker und wir sind diesen Weg gemeinsam gegangen.

Sie haben viele Preise bei „Jugend musiziert“ gewonnen. Welche Bedeutung hat dieser mehr als 60 Jahre alte Wettbewerb – gerade heute – für die klassische Musik, aber auch für die aktuelle Generation des musikalischen Nachwuchses?

Martin Stadtfeld:
Er ist ein schöner Wettbewerb, weil er eben sehr schwellenlos ist. Eine wunderbare Gelegenheit, sich zu präsentieren und sein Publikum zu erspielen.

Jugendliche und auch schon Kinder verbringen sehr viel Zeit in den sozialen Medien. Bieten Youtube, Instagram und TicToc auch Chancen für die Klassik?

Martin Stadtfeld:
Ich möchte das keineswegs verteufeln, bin aber persönlich etwas skeptisch. Ich bin froh, dass ich nicht in einem Zeitalter aufgewachsen bin, wo alles einen Klick entfernt war. Dafür konnte ich Joachim Kaisers Buch „Die großen Pianisten unserer Zeit“ seitenweise auswendig. Der war sozusagen mein Influencer.

Seit dem Wintersemester 2023/24 haben Sie eine Professur für Klavier an der Hochschule für Künste Bremen inne. Nach welchen Kriterien – außer der Musikalität – suchen Sie Ihre Studierenden aus?

Martin Stadtfeld:
Man spürt doch recht schnell, ob jemand eine Beziehung zu dem Instrument Klavier hat. Und die Musikalität, Töne, die einen aufhorchen lassen, ist tatsächlich wichtiger als die technische Reife. An der kann man ja arbeiten.

Tritt Ihr Sohn bereits in Ihre Fußstapfen? Teilen Sie Harald Schmidts feste Überzeugung, dass jedes Kind ein Instrument spielen muss?

Martin Stadtfeld:
So weit würde ich nicht gehen. Aber ein Instrument zu erlernen ist auf jeden Fall eine Bereicherung. Mein Sohn lernt Cello und es macht ihm zunehmend Spaß, beispielsweise im Schulorchester zu spielen. Eine tolle Sache jedenfalls.

Der wiederholte Echo Klassik und viele weitere Preise beweisen, dass Sie zu den besten Pianisten der Welt gehören. Gibt es Instrumente, die Sie gern spielen würden, an denen Sie aber bislang gescheitert sind?

Martin Stadtfeld:
In meiner Jugend habe ich Waldhorn gespielt. Ich hatte eine prima Lehrerin, Julia Schäfer von der Rheinischen Philharmonie, und wir haben es sogar bis zu einem Mozart-Horn-Konzert gebracht. Da ich aber zu unregelmäßig geübt habe, habe ich es dann irgendwann eingestellt.

Wie hört man Musik am besten: CD oder Vinyl?

Martin Stadtfeld:
Am besten live – wie bald im Reeser Bürgerhaus.


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