„Meine Oma hat ihr Auto an der Ampel abgewürgt und hinter ihr begann ein Porschefahrer zu hupen“, erzählte Nicole Staudinger bei ihrer Leseshow „Time for Tacheles“ im Reeser Bürgerhaus. Da sei ihre Oma in aller Ruhe ausgestiegen, ging zu dem Porsche und sagte zu dem Fahrer: „Wenn Sie meinen Wagen neu starten, dann hupe ich für Sie weiter!“ So anschaulich und humorvoll erklärte die zehnfache Bestsellerautorin und Kommunikationstrainerin den Besuchern im Bürgerhaus, wie Schlagfertigkeit gehen kann. Offenbar hat Nicole Staudinger die Gene ihrer Großmutter geerbt, denn in ihrem gut 90-minütigen Programm sorgte ihre Schlagfertigkeit oft für Lacher beim Publikum. Doch ihre Leseshow war nicht nur heitere Unterhaltung, sondern sie ermutigte vor allem ihre Zuhörerinnen und Zuhörer immer wieder, sich gegen Bevormundung und Herabsetzung im Beruf, in der Freizeit und im Urlaub zur Wehr zu setzen. „Schlagfertig, aber ohne zu verletzen“, so lautete ihr Credo. Wenn Schlagfertigkeit alleine nicht mehr reiche, sollten Frauen gute Argumente bringen, um sich zu behaupten, riet sie weiter. Doch die Welt sei in den letzten Jahren sehr kompliziert geworden und Argumente würden oft ungehört bleiben, hat Staudinger festgestellt. „Spätestens seit Corona gratulieren sich die Populisten gegenseitig, während die Demokraten sich zerfleischen“, hat sie beobachtet. Passend dazu las sie aus ihrem Buch ein Kapitel vor, in dem sie beschrieb, wie Populisten wie die Todesser in den Harry-Potter-Romanen immer mehr zum Vorschein kommen und immer lauter und stärker werden. „Populisten wollen keine Gleichberechtigung, sie profitieren von Ungleichheit“, rief sie ihrem Publikum zu. Jetzt sei es an der Zeit, Tacheles zu reden. Das heißt: seine Stimme zu erheben und seine Meinung zu behaupten, wenn etwas schief läuft. Früher sei nicht alles besser gewesen, sagte Staudinger, und als Beweis zitierte sie Schlagertexte, die voller sexistischer Stellen sind. „Früher haben da alle mitgesungen, aber heute wäre das RTL-7 Niveau!“ meinte sie unter dem Gelächter des Publikums. Nostalgie sei ein schönes Gefühl, aber keine Haltung, und auch nur dagegen sein, ist keine Haltung, so ihre These. „Wir müssen uns fragen, was wir wollen, und dabei ehrlich sein“, forderte sie ihr Publikum auf. Das gelte sowohl für das private Umfeld als auch für die Erwartungen an die Politik.
Büchereileiter Thomas Dierkes, der mit seinem Team die Veranstaltung organisiert hatte, dankte der Autorin für ihren unterhaltsamen Einsatz für Gleichberechtigung und Demokratie. Nicole Staudinger erwiderte, sie sei gerne nach Rees gekommen, und sie erinnerte sich daran, dass sie zuvor schon einmal in Rees gewesen war: „Als ich in den Saal gekommen bin, dachte ich, das ist aber ein schöner Saal, hier war ich doch schon einmal!“
Dem Publikum verriet sie auch, dass ihr Auftritt in Rees eine besondere Veranstaltung gewesen sei. Im Vergleich zu den Auftritten bei ihrer Time for Tacheles-Tour sei sie viel stärker auf ihr Buch eingegangen und hat daraus vorgelesen. Zu ihrem Schrecken hatte sie aber vor dem Auftritt in der Garderobe festgestellt, dass sie ihr eigenes Buch zu Hause vergessen hatte. Sie konnte sich aber vom Büchertisch der Buchhandlung „Die Bücherecke“ ein Buch ausleihen und so ihre Leseshow beginnen. Die etwa 130 Besucherinnen und Besucher dankten der Autorin für ihre mit Engagement und Humor vorgetragene Leseshow mit langem Applaus.
Mehr Lesungen
Weitere Lesungen in Rees: Do, 15.10. Martina Bogdahn aus „Mirabellentage“, Mi, 4.11. Klaus Stickelbroeck aus „Knipser“, Mi, 20.1. Christoph Peters aus „Entzug“, Mi, 17.02. Renate Wirth aus „Trude und der Goldfisch“, Fr, 5.3., Christine Westermann und Mona Ameziane aus „Wann wusstest du, dass es gut wird?“, Mi, 7.4., Eva Völler aus „Reise in die Freiheit“, und Di, 4.5., Steffi Neu aus „Landl(i)eben“. Weiter Infos unter www.stadt-rees.de/shop

